Transparency heisst Offenheit

Droht Transparency Deutschland mit der Abmahn-Keule???

Nach den letzten Vorgängen um „euroweb“, fällt es mir sehr schwer zu glauben, was heute in Klein-Bloggersdorf die Runde macht und bei Basic Thinking, dem Werbeblogger, im Lummaland und anderswo zu lesen ist.

Was bringt die Blogosphäre so in Aufruhr?

Eine E-Mail macht die Runde, und die Echtheit wird von niemandem in Frage gestellt. Btw.: eine E-Mail kann heute jeder schreiben und einen Absender zu fälschen, ist auch nicht schwer.

Ich frage mich: wer ist dieser Justiziar?, wer von Transparency Deutschland hat ihn beauftragt und damit das Schreiben autorisiert? Hat jemand diesbzgl. recherchiert?

Das ist die Geschichte:

Eine Bloggerin schreibt über eine Freundin, Mutter eines dreieinhalbjährigen Sohnes, die zum Ende der Probezeit ihren Job bei Transparency Deutschland verloren hat. Das ist ein schlimmes persönliches Schicksal …

… und nun …

… die Bloggerin wird per E-Mail ultimativ und unter Strafandrohung zur Löschung des Beitrages aufgefordert: (Hervorhebungen von mir)

[..]

Ich erspare es mir zunächst, auf Einzelheiten einzugehen, sondern gebe Ihnen Gelegenheit, den Text unverzüglich, spätestens bis zum 26.03.2006, 24.00 Uhr aus dem Netz zu nehmen.

Sollte das nicht erfolgen, kündige ich Ihnen schon jetzt eine strafbewehrte Unterlassungserklärung und ggf. eine einstweilige Verfügung an. Ich gehe davon aus, dass Sie sich über die rechtlichen, aber auch finanziellen Konsequenzen, die sich daraus für Sie ergeben werden, klar sind.

Diese Frist ist m.E. unangemessen kurz, und es ist Wochenende. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Schwingt hier jemand die Abmahn-Keule? Das entspräche nicht meiner Vorstellung von transparency!

Unabhängig von diesem Fall gilt: Weblogs laden nicht zuletzt aufgrund ihrer Kommentar-Funktion zu einer offenen (=transparenten) Diskussion ein, jeder kann seine Sicht der Dinge darstellen oder auch die Blogger direkt ansprechen …

… muss das aber unter Androhung einer kostenpflichtigen Abmahnung geschehen???

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut! Für eine Abmahnung müssen gute und nachvollziehbare Gründe vorliegen – Abmahnungen dürfen m.E. niemals ein Druckmittel sein, um unliebsame Kritiker „mundtot“ zu machen!

Update:

Das ist eine sehr gute Aktion von Anmut und Demut:

P.S.: Ich habe eine Email mit gleichem Inhalt auch an office@transparency.de und die deutsche Geschäftsführerin dschroeder@transparency.de geschickt und bitte den einen oder anderen Leser, das auch zu tun, wenn er über den Fall ähnlich denkt und fühlt, um zu zeigen, dass Partizipation in der Zivilgesellschaft auch ohne Anwälte und Androhungen funktioniert.

6 Gedanken zu „Transparency heisst Offenheit“

  1. Partizipation in der Zivigesellschaft bzw. Bildung der öffentlichen Meinung verlangt auch Verantwortung in Form einer guten Recherche. Weder sollte man Dinge einfach behaupten ohne daß diese faktisch belegt werden können noch sollte man die Gegenseite ungehört lassen. Desweiteren sollte auch bestehende Arbeits- und Persönlichkeitsschutzgesetze beachtet werden: gewisse Dinge aus dem Personalbereich dürfen nicht ohne weiteres an die Öffentlichkeit gelangen und unbeteiligte Dritte müßen, zu deren Schutz, unerwähnt bleiben.
    So sollte nicht nur jeder Journalist sondern auch Blogger vorgehen, wenn er er mit seinen Beiträgen in die Öffentlichkeit tritt.
    Ebenso sollte ein Blog auch ein Impressum haben. Es steigert nicht nur Seriosität und Verantwortungsnahme für die eigenen Beiträgen sondern es verkürzt auch die Kommunikationswege und -zeiten von möglichen Widersprüchen Betroffener.
    Das Schreiben der besagten Organisation stellt keine Abmahnung sondern lediglich eine Aufforderung dar. Wenn die Bloggerkollegin saube recherchiert und sich keine Fehler vorzuwerfen hat, dann möge sie ihre Artikel stehen lassen.

  2. Die Bloggerin hat ihren Beitrag entsprechend der Aufforderung gelöscht und legt hier ihre Gründe dar und erklärt nochmal, was sie bewegte, den Artikel zu schreiben.

    Was diese Aufforderung angeht, hätte ich mir persönlich einen anderen Ton gewünscht, auch wenn der Justiziar und Ethikbeauftragte in der Sache vielleicht Recht hat.

    Aus meiner Sicht wäre ein direkter Dialog aller Beteiligten der bessere Weg gewesen.

    Wenn ich das richtig sehe, konnte jeder Leser den Beitrag kommentieren und seine Sicht der Dinge darstellen. Gibt es einen noch kürzeren Kommunikationspfad?

    Außerdem weist die Bloggerin darauf hin, dass die Freundin auf ihren Brief an den Vorstand von Transparency Deutschland keine Resonanz erhalten habe.

    Selbstverständlich muss auch immer die „Gegenseite“ gehört werden! Sollte ich in den nächsten Tagen eine öffentliche Stellungnahme von Transparency Deutschland e.V. übersehen – oder jetzt schon übersehen haben, bitte ich um freundliche Hinweise, damit ich diese auch hier verlinken kann.

    Im folgenden beziehe ich mich ausdrücklich weder auf den gelöschten Beitrag noch auf die Bloggerin.

    Nicht jeder ist aufgrund seiner Ausbildung in der Lage, „perfekt“ zu formulieren. Wir dürfen nicht jedes Wort „auf die Goldwaage legen“ und auch juristische „Wortspielereien“ tragen nicht zu einem guten Diskussionsklima bei.

    Es darf nicht sein, dass jemand, der persönliche Erfahrungen und Eindrücke schildern will, zuerst Journalismus studieren und dann einen Anwalt beschäftigen muss, bevor er ein öffentlich zugängliches Weblog betreiben oder einen Beitrag in einem öffentlichen Internet-Forum kommentieren kann.

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